Philosophie im Straßenverkehr, heute: Supererogation

Dem großartigen Vorbild Eike von Savignys folgend (Die Signalsprache der Autofahrer, 1980) glaube ich, dass sich so ziemlich jedes interessante philosophische Thema sehr passend mit Beispielen aus dem Straßenverkehr erklären lässt. Jedenfalls kenne ich noch kein Gegenbeispiel… Thema diesmal: Supererogation und Supererogationslöcher.

1_Augenblick_bitte
Schild 1 “Augenblick bitte. Beim Abbiegen auf Radfahrer achten.”

Schauen wir zunächst auf Schild 1. Die Stadt Regensburg weist auf besonders freundliche (“bitte”) und wortspielende (ein Augenblick für einen Augenblick) Weise Autofahrer darauf hin, dass sie gesetzlich verpflichtet sind, geradeausfahrenden Radfahrern die Vorfahrt zu gewähren. Also haben wir hier einen klaren Fall von Supererogation: Die Stadt erfüllt ihre Pflicht zur Gefahrenabwehr auf besonders nette Weise. Es besteht sicherlich keine Pflicht, solche Hinweise auf besonders nette Weise zu geben, und so geht die Stadt über das Gebotene hinaus.

2_Geisterradler
Schild 2 “Geisterradler gefährden!”

So weit, so gut, aber schauen wir auf Schild 2, das an derselben Kreuzung angebracht ist. Die Stadt Regensburg weist auf überhaupt nicht freundliche und überaus dramatisierende Weise Radfahrer darauf hin, dass sie gesetzlich verpflichtet sind, auf der rechten statt auf der linken Seite zu fahren. Selbstredend wird hier keine Pflicht verletzt: Man darf zur Gefahrenabwehr per unausgeschmücktem Imperativ zur Einhaltung der Gesetze  auffordern. Mit diesem Schild tut die Stadt zwar nichts, das über das Gebotene hinausgeht, aber sie verletzt auch sicherlich keine Pflicht.

Aber, um noch zu den Supererogationslöchern zu kommen, die beiden Schilder zusammengenommen sind befremdlich und auch für dieses Unbehagen hat die Philosophie einen hübschen Begriff, das Supererogationsloch. Ein Supererogationsloch ist eine Handlung, die über das Gebotene hinausgeht, aber dennoch verboten ist (wobei natürlich strittig ist, ob es so etwas überhaupt gibt). Das ist hier der Fall: Die Schilder sind inakzeptabel – und führen, wie ich aus eigener Beobachtung weiß, mitunter sogar zu moralischer Empörung –, weil sie selektiv nur Autofahrern gegenüber freundlich sind.  Nun kann man sich aus verschiedenen Gründen unsicher sein, ob das wirklich ein Supererogationsloch ist. Manche Gründe betreffen meines Erachtens irrelevante Details, beispielsweise ob Freundlichkeit überhaupt supererogatorisch ist (ich denke schon) oder ob Radfahrer es sich durch ihr bisheriges Verhalten verdient haben, keine freundlichen Hinweise mehr zu erhalten (unwahrscheinlich). Aber beides könnte man durch hypothetische Variationen des Beispiels umgehen. Gewichtiger sind zwei andere Probleme: Zum einen ist nicht klar, wie die Handlung(en) hier individuiert werden sollten: Haben wir es mit zwei Handlungen zu tun (dem Anbringen von Schild 1, dem Anbringen von Schild 2) oder nur mit einer Handlung (Beschilderung einer vielbefahrenen Kreuzung)? Nur wenn es sich um fein individuierte Handlungen handelt, gibt es hier eine Handlung (Anbringen von Schild 1), die über das Gebotene hinausgeht. Zum anderen ist nicht klar, was “über das Gebotene hinausgehend” bedeutet, wenn es zwei einschlägige Gebote gibt. Geht eine Handlung über das Gebotene hinaus, wenn sie nur hinsichtlich eines der Gebote über das Gebotene hinausgeht? Wenn für das Anbringen des ersten Schildes mehrere Gebote einschlägig sind (Gefahrenabwehr und Neutralitätspflicht), dann ist es vielleicht falsch zu sagen, die Handlung ginge über das Gebotene hinaus, weil dann die zweite Pflicht übersehen wird.

Wie auch immer: Die Diskussion, die sich hier auftut, ist keine nur dieses Beispiel betreffende, sondern eine, die dem Thema Supererogation eigen ist. Immerhin: Eingangsthese ist mal wieder bestätigt. Alle (!?!) philosophischen Thema lassen sich mittels Straßenverkehr als unendlicher Beispiel-Schatztruhe illustrieren.

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