Einhörner, bewarzte Hände und ein déjà vu

Letztens hatte ich ein kurioses déjà-vu-Erlebnis: Vielleicht erinnert sich noch jemand an meinen Post “Könnten alle meine (Außenwelt-) Meinungen falsch sein?”, in dem ich ein Beispiel vorstelle:

(1) Es gibt Tiere.

(2) Es gibt keine Einhörner.

Beides glaube ich, aber es kann aus begrifflich-logischen Gründen nicht beides falsch sein. Aus solchen Beispielen (zusammen mit weiteren Überlegungen) sollte man die Lektion lernen, dass skeptische Szenarien nicht die Möglichkeit umfassenden Irrtums bzw. umfassender Falschheit illustrieren, sondern die Möglichkeit umfassenden Unwissens. Als Slogan formuliert: Sceptical scenarios are ignorance-possibilities, not error-possibilities.

Autobiographische Anmerkung: Das glaube ich seit 2001, aber weder das damalige Oberseminar noch Olaf Müller (der mein Beispiel in seinem Buch Wirklichkeit ohne Illusionen I, 2003, S. 47 diskutiert) wollten mir so recht zustimmen. Da das Beispiel schon in Olafs Buch publiziert war und ich die These nicht so spannend fand, habe ich sie dann nie aufgeschrieben.

Nun aber das déjà-vu-Erlebnis: Im April erschien in Analysis „A Refutation of Global Scepticism“ (und hier der Link für Göttinger) von Ken Gemes. Der Artikel ist sehr kurz und besteht eigentlich nur aus einem Beispiel, nämlich:

(1*) Ich habe eine Hand.

(2*) Es ist nicht der Fall, dass eine meiner Hände eine Warze hat.

Als das ich las, war meine erste Reaktion „Mist, hätte ich doch nur vor ein paar Jahren meine Idee irgendwo eingereicht!“ und meine zweite „Hurra, vielleicht finde ich jetzt ein Publikum für meinen Slogan!“. Da Gemes aus dem Beispiel nur die (offenkundig) falsche Konklusion zieht, der Skeptizismus sei damit widerlegt, habe ich hoffnungsvoll meine Position aufgeschrieben und an Analysis geschickt. Leider war ich nicht der einzige, der auf diese Idee gekommen ist, und Analysis hat sich entschieden, nicht meine Replik sondern die Replik (und hier der Link für Göttinger) von AC Genova abzudrucken. Schade.

Genovas Lektion aus dem Beispiel ist allerdings eine ganz andere als die meinige und im Kern auch nicht sehr verschieden von Olafs. Olafs und Genovas Strategie besteht darin, die Meinungen, die die Skeptikerin attackiert, in zwei Teilmengen zu zerlegen. Eine der beiden Teilmengen ist dabei die grundlegendere und für diese Menge soll gelten, dass alle ihre Elemente falsch sein können. Genova unterscheidet sich von Olaf dadurch, dass er die grundlegende Menge mit den experience-based beliefs identifiziert, während Olaf lediglich die Existenz einer geeigneten Menge postuliert. Zusammengefasst lautet Genovas Replik auf Gemes’ Beispiel: Da (2*) kein experience-based belief ist, zeigt das Beispiel nicht, dass mindestens ein experience-based belief wahr sein muss.

Drei Überlegungen sprechen gegen die Müller-Genova-Strategie: Erstens versäumen beide es, ein glasklares skeptisches Argument aufzuschreiben. Irgendwie muss ja der Schritt von “Alle Meinungen der grundlegenden Menge können falsch sein” zu “Alle Meinungen der umfassenden Menge sind kein Wissen” vollzogen werden. Beide schweigen sich aus, wie das gehen soll. Mit dem Geschlossenheits-Argument ist die Lücke jedenfalls nicht zu schließen.

Zweitens müssten sie zeigen, dass auch nach der Restriktion auf eine grundlegende Menge nicht neue Beispiele eine neue Restriktion nötig machen. Mit anderen Worten, sie müssen zeigen, dass die Menge der Negationen der grundlegenden Menge konsistent ist. Beide haben hier nichts anzubieten. Im Fall von Genova sind neue Gegenbeispiele schnell zu finden. Wenn ich seinen Begriff des experience-based belief richtig verstehe, dann ist dies ein geeignetes neues Gegenbeispiel:

Anna ist nicht gut darin, verschiedene Instrumente zu unterscheiden. Sie hört ein Geräusch und glaubt, dass das Geräusch von einem Blasinstrument kommt, und sie glaubt auch, dass es nicht von einer Trompete stammt. Die letzte Meinung ist dabei nicht erschlossen, d.h. Anna glaubt nicht, dass es sich um eine Klarinette handelt und deshalb nicht um eine Trompete.

Annas Meinungen sind sicherlich experience-based, non-inferential beliefs. “Dieses Geräusch” können wir außerdem so verstehen, dass auch dann, wenn sie ein eingetanktes Gehirn sein sollte, kein Referenzfehlschlag vorliegt; “dieses Geräusch” bezieht sich auf den ‘inneren’ Ton. Doch es kann nicht sein, dass beide Meinungen falsch sind. Denn dazu müsste der Ton von einer Trompete, die kein Blasinstrument ist, verursacht werden.

Drittens wirken Genovas und Olafs Manöver seltsam unmotiviert: Warum ist es denn überhaupt so wichtig für skeptische Argumente, dass alle meine Meinungen falsch sein können?

Falls nun doch noch jemand wissen will, warum die wahre, echte, beste, einfachste und überhaupt einzige Lektion aus den Beispielen mein Slogan ist, kann er das hier nachlesen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s