Regelfolgen und Unendlichkeit II

In Teil I habe ich behauptet, dass Kripkes Wittgensteins Argument gegen das Fortsetzungsmodell nicht das Infinitätsargument, sondern das Unvollständigkeitsargument sein sollte. Das erste Argument hebt darauf ab, dass ich jeden Ausdruck erst endlich oft verwendet habe, das zweite darauf, dass ich jeden Ausdruck nur unvollständig oft verwendet habe. Doch auch dieses Argument hat seine Tücken…

Probleme für das Unvollständigkeitsargument

Aber auch das Unvollständigkeitsargument vermag nicht zu überzeugen und zwar aus zwei Gründen (von denen einer von Kripke selbst in einer Fußnote genannt wird).

Das erste Problem: Das Regelfolgenproblem soll alle sprachlichen Ausdrücke betreffen, aber es gibt Ausdrücke, bei denen es unplausibel ist, dass die Extension durch die bisherige Verwendung nicht festgelegt ist. In welchem Sinn ist die Extension eines Eigennamen durch die bisherige Verwendungen nur unvollständig festgelegt? Hier kommt Kripkes Wittgenstein mit dem Unvollständigkeitsargument nicht weit.

Das zweite Problem: Kripke schreibt:

It is worth noting, however, that although it is useful, following Wittgenstein himself, to begin the presentation of the puzzle with the observation that I have thought of only finitely many cases, it appears that in principle this particular ladder can be kicked away. Suppose that I had explicitly thought of all cases of the addition table. How can this help me in answer the question ‚68+57‘? Well, looking back over my own mental records, I find that I gave myself explicit directions. „If you are ever asked about ‚68+57‘, reply ‚125‘!“ Can’t the sceptic say that these directions, too, are to be interpreted in a non-standard way? (1982: 52, Fn. 34)

Also, nehmen wir mit Kripke an, jemand habe bereits alle Additionsfragen beantwortet. Die Extension von „plus“ ist damit eindeutig festgelegt. Was hat Kripke dagegen einzuwenden? Das Infinitäts- oder das Unvollständigkeitsargument kommen nicht in Frage und so wechselt Kripke dann auch, wie ich finde recht unvermittelt, zu einem anderen Argument: Inwiefern nutzt es mir, wenn die Extension von “plus” irgendwie festgelegt ist? Für diese Überlegung ist es unerheblich, ob die Extension durch meine bisherigen Verwendungen festgelegt ist oder ob ich eine Liste besitze, auf der die Antworten auf alle Additionsfragen vermerkt sind. Mit beidem — meinen vergangen Verwendungen, der Liste — muss ich irgendwie umgehen. Wie sich jeder Leser von Wittgenstein leicht ausmalen kann, sind viele Weisen der Benutzung denkbar.

Das Regressargument

Der Sache nach gibt Kripke hier das Uminterpretations- oder Regressargument. Die vergangenen Verwendungen können genauso wie eine Liste, ein Bilderbuch, eine explizite Regelformulierung und dergleichen mehr uminterpretiert werden. Kurz und klein, dem Unvollständigkeitsargument (und erst recht dem Infinitätsargument) kommt kein besonderes argumentatives Gewicht zu. Es ist vielleicht für Darstellungszwecke eine wichtige Requisite, mehr aber nicht. Zu Beginn des Buchs diskutiert Kripke die Frage der Extensionsfestlegung: Wie wird die richtige, die ‘intendierte’ Extension von „plus“ festgelegt? Später wird ein anderes Problem aufgeworfen: Selbst wenn die erste Frage beantwortet werden kann, ist das Regelfolgenproblem nicht gelöst. Denn die Extension kann noch so wunderhübsch bestimmt sein, das Regelfolgenproblem lässt sich so reformulieren: Wie komme ich von meinem Verstehen von „plus“ zusammen mit dem, was die Extension von „plus“ festlegt, zur Antwort „125“ auf „68+57=?“?

Ist dieses Ergebnis überraschend und bemerkenswert? Ich weiß es nicht. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, werden in Darstellungen von Kripkes Wittgenstein skeptischen Paradox oft zwei (und noch mehr, die hier keine Rolle spielen) Argumente unterschieden, ein Infinitäts- und ein Regressargument. Nun scheint jedoch diese Unterscheidung haltlos zu sein, da es hier in Wirklichkeit nur ein Argument gibt. Auch wird öfters behauptet, aus dem skeptischen Paradox folge, dass man die Suche nach festen, eindeutig bestimmten etc. Extensionen aufgeben sollte. Sobald man die Annahme aufgibt, sprachliche Ausdrücke hätten solche Extensionen, falle das Regelfolgenproblem in sich zusammen. Das erscheint nun eher unplausibel zu sein.

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