Vergangenheit und Gegenwart bei Kripkenstein II

Dies ist die Fortsetzung von Vergangenheit und Gegenwart bei Kripkenstein I.

Warum mich Kripkes Gedankengang nicht überzeugt

Mich überzeugt dieser Lösungsversuch nicht. Erstens sind beide Probleme Scheinprobleme und zweitens kommt die Skeptikerin, wenn sie einmal ihren Einwand auf die Frage einschränkt, “whether my present usage agrees with my past usage” (12), nicht mehr zu ihrer skeptischen Konklusion, die alles Meinen betrifft, zurück.

Zum ersten Problem. Das erste Problem ist ein Scheinproblem. Wie Kripke zumindest in der Überschrift des Kapitels deutlich macht, handelt es sich bei dem skeptischen Argument um ein Paradox. Paradoxa haben es an sich, dass es niemanden geben muss, der sie vorbringt oder auch nur vorbringen könnte. Es kann eine Konsequenz tiefverankerter natürlicher Annahmen sein, dass niemand jemals etwas meint. Wer darauf hinweist, muss sich diese Behauptung nicht zu eigen machen. Kripke übersieht hier schlicht den Unterschied zwischen einem in persona propria vorgebrachten skeptischen Argument und einem skeptischen Paradox.

Zum zweiten Problem. Das zweiten Problem ist nicht so leicht als Scheinproblem zu entlarven. Hier rächt sich Kripkes schlampige Weise, die Frage der Skeptikerin zu formulieren. Die beiden Fragen

  • Was meine ich mit “plus”, plus oder quus?
  • Was muss ich hier antworten, um der Regel für “plus” zu folgen, “125” oder “5”?

sind verwandt, aber doch verschieden. Die erste Frage kann ich unter Verweis auf Disquotation beantworten, die zweite nicht. Kripke meint, die zweite Frage sei beantwortet, weil die Skeptikerin nicht die Artithmetik attackiert. Das ist zwar richtig, tut aber nichts zur Sache. Auch wenn die Skeptikerin über arithmetische Sachverhalte nicht diskutieren möchte, ist dies kein Freifahrtschein für Behauptungen der Art “Aber 68 plus 57 ergibt doch 125!”. Es mag sein, dass 68 plus 57 125 ergibt, aber sobald ich das sage und als Antwort auf die skeptische Frage anführe, folge ich offenkundig der Regel für “plus”. Und wie mir das gelingt, will die Skeptikerin wissen.

Kein Weg von der Vergangenheit in die Gegenwart. Da die beiden Probleme gar keine sind, gibt es also keinen Grund, auf die Vergangenheit auszuweichen. Aber nicht nur ist dieses Ausweichen überflüssig; es ist auch schädlich. Angenommen es stimmt, dass ich die skeptische Frage für die Vergangenheit nicht beantworten kann, d.h. ich kann zwar zeigen, dass “125” jetzt die richtige Antwort ist, aber ich kann nicht zeigen, dass “125” die richtige Antwort ist, wenn ich jetzt “plus” wie früher verwenden will. Warum folgt daraus die skeptische Konklusion, dass niemand jemals mit einem Wort etwas meint (cf. 55)? Kripke schreibt

“if there can be no fact about which function I meant in the past, there can be none in the present either” (13).

Hier fällt zweierlei auf. Erstens sagt Kripke nicht, noch nicht einmal andeutungsweise, warum dies so sein sollte. Zweitens wechselt Kripke schon wieder die skeptische Frage. Nun lautet sie:

  • Welche Tatsache sorgt dafür, dass ich mit “plus” plus meine (bzw. dafür, dass “125” die richtige Antwort ist)?

Klarerweise ist das Disquotationsargument — “Natürlich weiß ich, was ich mit ‘plus’ meine, nämlich plus!” — keine Antwort auf diese Frage. Damit lässt sich die Frage beantworten, woher ich weiß, was ich meine, aber nicht die Frage, welche Tatsache dafür sorgt, dass es sich so verhält. Kripkes These wäre angepasst an dieses Argument auch überhaupt nicht plausibel: “Wenn ich nicht wissen kann, was ich gestern meinte, dann kann ich auch nicht wissen, was ich jetzt meine” — das ist offenkundig begründungsbedürftig.

Aber auch Kripkes Variante ist begründungsbedürftig. Was wir brauchen, ist eine geeignete zweite Prämisse, die dieses Argument vervollständigt:

  1. Es gibt keine Tatsache, die dafür sorgt, dass ich früher mit “plus” irgendetwas meinte.
  2. ???
  3. Also gibt es keine Tatsache, die dafür sorgt, dass ich jetzt etwas mit “plus” meine.

Ich habe keine Ahnung, was die fehlende Prämisse sein könnte. Aus der Literatur kenne ich nur eine Antwort, die Miller so zusammenfasst:

“Of course, once the skeptical conclusion has been established with respect to past meanings, it can be generalised to encompass present meanings too, for we can always imagine ourselves running the the skeptical argument tomorrow about what we presently mean by the ‘+’ sign.” (Miller 2002: 3 Fn. 6; cf. Wright 1984: 96)

Ich fasse zusammen: Schon bald wird die Gegenwart Vergangenheit sein. Obwohl es (ex hypothesi) jetzt eine Tatsache ist, dass ich mit “plus” plus meine, wird es schon bald keine Tatsache sein, dass ich jetzt mit “plus” plus meine. Aber es kann nicht mal eine Tatsache und mal keine Tatsache sein, dass ich jetzt mit “plus” plus meine. Also ist es nie eine Tatsache, dass ich jetzt mit “plus” plus meine.

Diese Antwort ist wunderlich. Warum das Argument nicht umdrehen? Offensichtlich (siehe das Disquotationsargument) ist es jetzt eine Tatsache, dass ich jetzt mit “plus” plus meine. Wenn Tatsachen zeitlos sind, folgt daraus, dass es immer eine Tatsache ist, was ich jetzt mit “plus” meine. Miller müsste zeigen, was an dieser Überlegung faul ist. Man kann nicht erst Kripkes Argument, warum es jetzt eine Tatsache ist, was ich jetzt mit “plus” meine, akzeptieren, um es sodann einfach so wegzuwischen. Man muss dann schon einen Fehler in Kripkes Argument nachweisen können! Entweder ist Kripkes Argument fehlerhaft (dann muss man die skeptische Frage nicht für die Vergangenheit formulieren) oder es ist nicht fehlerhaft (dann ist die skeptische Konklusion auf vergangenes Meinen beschränkt).

Im Ergebnis bin ich ratlos. Ich verstehe nicht, warum Kripke die skeptische Frage (auch nur kurzzeitig) auf die Vergangenheit einschränken will. Er hätte das lieber nicht tun sollen! Irgendwelche Einwände? Oder Hinweise auf Literatur, in der eine bessere Antwort geboten wird?

Literatur

Kripke, Saul (1982): Wittgenstein on Rules and Private Language. Cambridge/Ms.: HUP.

Miller, Alexander (2002): “Introduction”, in: Miller, Alexander und Wright, Crispin (Hrsg.): Rule-Following and Meaning. Chesham: Acumen.

Wright, Crispin (1984): “Kripke’s Account of the Argument against Private Language”, in: Rails to Infinity. Cambridge/Ms.: HUP, 2001.

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5 thoughts on “Vergangenheit und Gegenwart bei Kripkenstein II

  1. Hallo Tim,

    da bist Du sicher selbst schon drauf gekommen:
    ein Vorschlag für die fehlende Prämisse im `Argument´ oben:

    2. Wenn es zu einem Zeitpunkt keine Tatsache gibt, die dafür sorgt, dass ich mit einem sprachlichen Ausdruck etwas meine, (/das meine, was ich meine,) dann gilt dies auch für andere Zeitpunkte.

    Warum funktioniert diese Prämisse nicht? abgesehen von der sehr merkwürdigen Redeweise hier.

  2. Selbstverständlich kann man jedes nicht-zwingende Argument in ein zwingendes Argument verwandeln, indem man als zusätzliche Prämisse “Wenn [hier die anderen Prämissen einsetzen], dann [hier die gewünschte Konklusion einsetzen]”. Aber ist diese Prämisse auch wahr? Deine Prämisse scheitert sofort an Gegenbeispielen: Man kann doch zu t1 “babig” sagen (und damit nichts meinen), aber zu t2 sich eine Definition ausdenken (z.B. “babig ist alles, was irgendwann einmal maximal 100m von mir entfernt war”) und dementsprechend ab t2 etwas damit meinen.

  3. Nur kurz:

    Wenn man eine performative Ebene (als Teil einer Prämisse) mit in das Argument hineinnähme, gelänge sicherlich der Ausschluß von künfigen Definitionen (oder Definitionsversuchen) (t2).
    Aber dann geltete es eben nur für den aktuellen Vollzug, oder das aktuelle Sprechen.
    Um dies abzuschaffen müßte also auf ein `-barkeit´ (`Meinbarkeit´) referiert werden.

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