Vergangenheit und Gegenwart bei Kripkenstein I

Ich hänge mal wieder an einem Detailproblem zu Kripkes Wittgenstein on Rules and Private Language (1982) fest. Kripke begründet für seine Verhältnisse ausführlich (cf. 11 bis 14), warum die skeptische Herausforderung nicht fürs jetzige Meinen sondern nur fürs vergangene Meinen formuliert werden sollte. Und ich finde seine Überlegung außerordentlich wenig überzeugend.

Wie Kripke die Dinge sieht

Ich stelle zunächst Kripkes Gedankengang in der einschlägigen Passage vor. Wie so oft ist es auch hier schon eine herausfordernde Aufgabe, Kripkes Gedankengang angemessen wiederzugeben!

Die Ausgangssituation. Ich rechne die Summe von 68 und 57 aus und notiere auf meinem Schmierzettel “125”. Da fragt mich eine “bizarre” Skeptikerin (8), warum ich nicht “5” geschrieben habe. Ich erkläre ihr meine schriftliche Additionsrechnung Schritt für Schritt. Gegen meine arithmetische Ausführungen habe sie keine Einwände, erwidert die Skeptikerin (cf. 8, 13 et passim). Stattdessen, so führt sie aus, könnte doch, so wie ich “plus” verstehe, “5” die richtige Antwort sein. Und zwar nicht deshalb, weil 68 plus 57 5 ergeben könnte, sondern deshalb, weil ich etwas anderes mit “plus” meinen könnte. Ich könnte doch mit “plus” quus meinen, wobei 68 quus 57 5 ergibt. Dann wäre “5” die richtige Antwort. Die Skeptikerin will also nicht über Arithmetik belehrt werden, sondern darüber, ob ich wirklich plus mit “plus” meine.

Das Problem. Doch halt! hier gibt es zwei Probleme. (Kripke selber trennt die Probleme nicht.) Das erste Problem besteht darin, dass die Skeptikerin mit mir reden will. Dazu muss sie sich einer Sprache bedienen, die ich verstehe: “In order to converse with me at all, we must have a common language” (11f.). Was heißt das? Die Skeptikerin sagt zum Beispiel: “Ich will nicht über Arithmetik diskutieren. Selbstverständlich ergibt 68 plus 57 125. Aber was meinen wir mit ‘plus’?” In ihrem Redebeitrag kommt also “plus” vor. Wenn sie einerseits “plus” bedeutungsvoll verwendet, andererseits zu zeigen versucht, dass niemand mit “plus” etwas meinen kann, begeht sie einen performativen Selbstwiderspruch. Das zweite Problem besteht darin, dass der Einwand der Skeptikerin, so wie er eben eingeführt wurde, leicht zu beantworten ist. Es ist simples Disquotationswissen, dass ich (in der Sprache, die ich jetzt gerade verwende) mit “plus” plus meine. Würde ich das bezweifeln, müsste ich mich gleichzeitig meiner jetzigen Sprache bedienen und aus ihr heraus treten (cf. 12 Fn. 9). Der Einwand, ich könne mit “plus” doch quus meinen, ist daher leicht zu entkräften: Nein, das könne nicht sein. Jeder weiß apriori, was er mit “plus” meint; dazu muss man nur disquotieren. Also weiß ich, dass ich mit “plus” plus meine. Da — von der Skeptikerin unbestritten — 68 plus 57 125 ergibt, ist die Antwort auf “Was ergibt 68 plus 57?” “125” und nicht “5”.

Kripkes Lösungsversuch. Kripkes Antwort fällt überraschend aus. Wir sollen den Einwand der Skeptikerin einfach etwas anders verstehen. Sie stellt eine Frage über die Vergangenheit. Genauer, sie fragt, ob ich mit meiner jetzigen Antwort “125” meinem früheren Verständnis von “plus” treu bleibe. Die Skeptikerin fragt, “whether my present usage agrees with my past usage” (12). Damit macht die Skeptikerin keine Aussage über die Sprache, die sie und ich jetzt sprechen: Damit entgeht sie der Gefahr eines Selbstwiderspruch. Damit ist außerdem die einfache Antwort von eben nicht mehr möglich; es ist kein einfaches Disquotationswissen, dass ich gestern mit “plus” plus meinte.

Damit der Beitrag nicht zu lang wird, habe ich ihn in zwei Teile geteilt. In Teil II schreibe ich morgen, warum mich dieser Gedankengang nicht überzeugt.

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