Sehen und Wissen

Ich denke gerade über Wahrnehmung nach. Details kann ich leider nicht verraten, da ich Euch bitten möchte, mir Eure Beurteilungen eines Beispielszenario, das ich gleich schildern werde, mitzuteilen. Um Eure Antworten nicht zu beeinflußen, schreibe ich noch nicht, worum es eigentlich geht; das schreibe ich dann nächste Woche zusammen mit der Auswertung. Lest Euch bitte die Beschreibung durch und beantwortet die beiden Fragen am Ende. Vielen Dank!

Hier das Szenario:

Anna hat einen Untersuchungstermin bei ihrer Internistin. Für die Untersuchung ist es notwendig, dass sie vor Beginn der Untersuchung ein Präparat einnimmt. Bevor sie dieses einnimmt, gibt ihr die Ärztin einen Hinweiszettel mit Informationen zu dem Präparat und fragt sie, ob sie die Untersuchung durchführen möchte. Auf dem Hinweiszettel wird ihr mitgeteilt, dass man ihr gleich eine Tablette geben wird, die kurzzeitig zu Halluzinationen führen wird. Da Anna Hinweiszettel langweilig findet, überfliegt sie den Zettel nur und verpasst gerade den Satz zu den Halluzinationen. Die Tablette hat in Wirklichkeit keine halluzinogene Wirkungen. Das Präparat wurde jüngst so verbessert, dass die Halluzinationen ausbleiben. Da der Hersteller aber noch nicht mitbekommen hat, dass die Halluzinationen ausbleiben, wurde der Hinweiszettel noch nicht entsprechend aktualisiert. Anna nimmt die Tablette ein und setzt sich ins Wartezimmer. Kurz darauf hat Anna die visuelle Wahrnehmung, dass auf dem Tisch eine Vase mit verwelkten Blumen steht. Auf dem Tisch vor ihr steht tatsächlich eine Vase mit verwelkten Blumen, die Beleuchtung ist optimal und die Kausalkette zwischen Vase und Annas Augen ist in jeder Hinsicht normal. Anna erwirbt die Meinung, dass auf dem Tisch eine Vase mit verwelkten Blumen steht.

Nun meine beiden Fragen:

  1. Sieht Anna, dass auf dem Tisch eine Vase mit verwelkten Blumen steht?
  2. Weiß Anna, dass auf dem Tisch eine Vase mit verwelkten Blumen steht?

Ihr könntet mir mit Euren Antworten sehr helfen. Ja/Nein-Antworten genügen, aber wer eine Begründung geben möchte, darf das natürlich tun.

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7 thoughts on “Sehen und Wissen

  1. Am besten Anna selber fragen…

    Warum schleust Du das Halluzinationsthema ein, wenn es doch nicht relevant zu sein scheint, jedenfalls nicht für Anna?
    Der Hinweiszettel spielt doch allein eine Rolle bei der Beurteilung durch die Ärztin.

    Ansonsten kann ich mich, was die Antwort auf Deine beiden Fragen angeht, vorerst nur meinen beiden Vorgängern anschließen.
    Allerdings glaube ich, dass die propositionale Redeweise nur dann angebracht ist, wenn es um eine (begriffliche) Unterscheidung geht (wissen – sehen).
    Z. B. kann (1) auch nicht- propositional umformuliert werden: `Sieht Anna eine Vase …?´, wohingegen das bei (2) nicht so ohne weiteres möglich ist.

  2. (1) ja.
    (2) nein. – Zum Wissen gehört vielleicht so etwas wie subjektive Gewissheit: Anna könnte sich eventuell nicht sicher sein, dass ihre Wahrnehmung normal funktioniert, da ihr klar sein dürfte, dass ihr ein starkes Medikament, das wahrnehmungsverzerrende Auswirkungen haben kann, verabreicht wurde. Vielleicht braucht sie also noch einen guten Grund, um ihre Wahrnehmung als Wissen klassifizieren zu können. Damit sind wir auch bei einer “objektiven” Bedingung für Wissen gelandet: Für den vermeinten Sachverhalt braucht es gute Gründe, um als Wissen gelten zu können. Wenn ich an an der Stelle von Anna wäre, würde ich jedenfalls wohl zuerst einmal prüfend hingreifen, bevor ich von Wissen reden würde.

  3. (1) Ja
    (2) Nein
    Daraus dass Anna eine Meinung erwirbt, ist ja nicht zu schliessen,
    dass sie die Meinung mit Gewissheit vertritt.
    Soweit stimme ich Picodella zu.
    So könnte Anna ja bestimmten skeptischen Alternativen eine geringe Wahrscheinlichkeit zuweisen, die ausreichend ist, um ihr eine Meinung zuzuschreiben, aber hinreichend, um ihr Wissen abzusprechen,
    weil die nicht-eliminierten Möglichkeiten Wissensdefeater sind.
    Unsere übliche Zuschreibungspraxis bei subjektiver Sicherheit ist in Fällen
    guter Wahrnehmungsbedingungen ohne mögliche Defeater, dass Anna weiss, dass p.
    (Ich vertrete hingegen einen infalliblen, falsidische Möglichkeit ausschliessenden Wissensbegriff.
    Der wäre hier nur anwendbar, wenn Anna eine Halluzinationsmöglichkeit ausschliessen könnte.)
    Bleibt die Frage, ob der überlesene Wissensdefeater eine epistemische Situation hervorruft, in der belief-safety nicht gegeben ist.
    Man könnte argumentieren, dass wenn sie den Beipackzettel gelesen hätte,
    nicht gemeint hätte, dass p, sondern sich eines Urteiles enthalten hätte.
    Man kann sich auch fragen, ob Anna gewusst hätte, dass p, wenn sie contra
    der Halluzinationsmöglichkeit geglaubt hätte, dass p.
    Als Infallibilist verneine ich in beiden Fällen Wissen.

  4. Ja und weiß nicht.

    Wie Du selbst schreibst:
    “Kurz darauf hat Anna die visuelle Wahrnehmung, dass auf dem Tisch eine Vase mit verwelkten Blumen steht. Auf dem Tisch vor ihr steht tatsächlich eine Vase mit verwelkten Blumen, die Beleuchtung ist optimal und die Kausalkette zwischen Vase und Annas Augen ist in jeder Hinsicht normal.”

    Kann man besser sagen, daß jemand sieht, daß p? Es ist zwar seltsam, daß Du “sehen” so verstehst, als sehe man nur, wenn man auch erfolgreich sieht, “visuelle Wahrnehmungen” (vulgo: sehen) aber auch Mißerfolge einschließt. Wenn man das schluckt, scheint mir hier kein Problem zu bestehen.

    Allerdings kann man auf beide Fragen die de re/de dicto-Unterscheidung loslassen. Verfügt Anna über die Begriffe *Vase*, *verwelken* etc? Falls nein, so kann man ihr zwar möglicherweise de re zuschreiben, daß sie sieht und weiß, aber nicht de dicto. Nun gehe ich davon aus, daß Du von vornherein Anna die nötigen Begriffe mitgibst, was ja auch sehr natürlich ist.

    Die Antwort auf die zweite Frage hängt m.E an zwei Faktoren: Muß Anna relevante Alternativen ausschließen können, um zu wissen? Und ist die Halluzination durch ein Medikament hier eine relevante Alternative?

    Auf beide Fragen habe ich keine gute Antwort. Dementsprechend neige ich dazu, zu fragen: Wofür ist es denn wichtig, ob Anna weiß? Vielleicht :-)

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