“müssen” und “sollen”

Ich bin mal wieder bei der Frage angekommen, ob unter deontischer Normativität das Sollen oder das Müssen zu verstehen ist. Standardauffassung ist, dass alle deontischen Sätze sich mittels „sollen“ paraphrasieren lassen. So steht es (bis jetzt) auch in meiner Dissertation. Durch die Lektüre von Stemmers Buch habe ich ein wenig von meiner Zuversicht verloren. Stemmer behauptet – Details lasse ich weg -, die kanonische Form deontischer Sätze sei „S muss X tun“ und nicht „S soll X tun“.

Kurz zur Literaturlage: Stemmers Verteidigung der These findet sich in Normativität (Berlin und New York, 2008), S.45-47, 281-295, aber auch schon in Handeln zugunsten anderer (Berlin und New York, 2000). Eine prominente Verteidigung dieser These findet sich auch bei Ernst Tugendhat, siehe Probleme der Ethik (Stuttgart, 1984), S. 72f. und Vorlesungen über Ethik (Frankfurt/M., 1993), S. 36. Tugendhat hält jedoch „müssen“ einfach für den stärkeren Bruder von „sollen“; im Endeffekt will er anders als Stemmer nur im Bereich der Moral „sollen“ durch „müssen“ ersetzen. Auch Holmer Steinfath bevorzugt in moralischen Kontexten „müssen“ (ich kann aber keinen Literaturhinweis geben). Im englischen Sprachraum scheint es eine entsprechende Debatte nicht zu geben. Im Englischen ist „ought“ (nicht „must“, nicht „shall/should“) anscheinend noch selbstverständlicher der kanonische deontische Ausdruck.

Wie kommt Stemmer dazu, deontische Normativität mit dem Müssen zu identifizieren? Drei Argumente lassen sich, glaube ich, isolieren.

Stemmers erstes Argument: Ein Blick auf die Alltagssprache. In der Alltagssprache sei „müssen“ vertrauter als „sollen“. Wir sagen „Du musst ihr helfen“ oder „Du kannst doch nicht schwarzfahren“, nicht „Du sollst ihr helfen“ oder „Du sollst nicht schwarzfahren“. (Dazu passe auch, dass die Rede von Verpflichtung und Müssen in der philosophischen Terminologie bis ins 18. Jahrhundert Standard war.)

Stemmers zweites Argument: Sollen und das Wollen anderer. „Du sollst H-en“ konnotiere den Willen eines anderen. „Du sollst H-en“ verwendeten wir im Unterschied zu etwa „Du solltest H-en“ um auf eine Autorität, die das will, zu verweisen. Diese Konnotation sei jedoch misslich, da nicht immer, wenn etwas zu tun ist, der Wille eines anderen der Grund dafür sei. (Stemmer geht sogar noch weiter und behauptet, dass “sollen” gar nicht normativ ist. Denn es sei möglich, dass jemand etwas tun soll, ohne dass ein normativer Druck besteht. “Ich soll den Grill wegräumen. Mein Nachbar will das.” sei nicht normativ, weil der bloße Umstand, dass jemand etwas will, noch keinen normativen Druck ausübt.)

Stemmers drittes Argument: Müssen und Notwendigkeit. Nur „müssen“ bringe die Notwendigkeit zum Ausdruck, die zum Deontischen gehört.

Keines der drei Argumente überzeugt mich.

Erste Replik. Man kann deontische Urteile auf erstaunlich viele Weisen zum Ausdruck bringen.

Imperativ. “Räum dein Zimmer auf!”, “Lüge mich nicht an!”, „Hilf in Not geratenen Menschen!“
Indikativ Präsens. “Du räumst jetzt dein Zimmer auf.”, “Du lügst mich jetzt nicht an.”, „Wenn jemand in Not ist, wird ihm geholfen.“
Sollen. “Du sollst dein Zimmer aufräumen.”, “Du sollst mich nicht anlügen.”, „Man soll in Not geratenen Menschen helfen.“
Müssen. “Du musst dein Zimmer aufräumen.”, “Du kannst mich nicht anlügen”, „Man muss in Not geratenen Menschen helfen.“
(Ich hoffe, die drei Beispiele sind ausreichend repräsentativ. Das erste Beispiel ist nicht-moralisch, das zweite moralisch und partikular, das dritte moralisch und generell.)

Gewiss, manche der Beispielsätze sind natürlicher als andere, aber jeder wird wohl zustimmen, dass in jeder Situation dasselbe deontische Urteil auf verschiedene Weise ausgedrückt werden kann. Deshalb stellt sich ja überhaupt die Frage, was die kanonische Form deontischer Urteile ist. In manchen Kontexten ist der Imperativ natürlicher, in manchen Kontexten ist der Indikativ Präsens die Form, die den meisten Nachdruck trägt. Deshalb scheinen mir Argumente, die nur darauf verweisen, dass eine bestimmte Verwendungsweise angeblich natürlicher ist, zu schwach zu sein, um philosophisch etwas auszutragen. Es gibt keine Standardform deontischer Sätze in der natürlichen Sprache. Wirklich.

Zweite Replik. Das zweite und das dritte Argument sind miteinander verwandt: „sollen“ habe eine unerwünschte, „müssen“ dagegen eine erwünschte Konnotation. Ich beginne mit der unerwünschten Konnotation von „sollen“. Ich stimme zu, dass die kanonische Form deontischer Sätze nicht nahe legen sollte, dass die Normativität auf den Willen eines anderen zurückgeht. Manchmal soll man etwas tun unabhängig davon, dass ein anderer dies will.

Aber konnotiert “sollen” wirklich, dass ein anderer dies will? Im vorletzten Satz kommt “sollen” vor. Konnotiert dieses “sollen”, dass irgendjemand irgendetwas will? Konnotiert “Niemand soll zum Besuch des Logiktutoriums gezwungen werden“, dass irgendjemand irgendetwas wünscht?

Die fragliche Konnotation besteht, glaube ich, nur in Situationen mit bestimmten, meist anwesenden Adressaten („du“, „wir“, „der Butler“). Auf „Du sollst (wir sollen) hier warten“ kann man in der Tat mit „Wer will das denn?“ antworten. „Du musst (wir müssen) hier warten“ lässt diese Reaktion nicht so recht zu. Damit vereinbar ist jedoch, dass „sollen“ im allgemeinen diese Konnotation nicht hat.

Was gewichtiger ist, ich sehe nicht inwiefern ein Wechsel von „sollen“ zu „müssen“ in Zweifelsfällen weiterhilft. Wenn der Unteroffizier zu den Soldaten sagt „Tote sollen einzeln bestattet werden“, ist unklar, was die Begründung ist: Weil die Heeresführung dies angewiesen hat? Weil es moralisch geboten oder anständig ist? Weil die Toten dies wollen bzw. gewollt hätten? Wenn der Unteroffizier zu den Soldaten sagt „Tote müssen einzeln bestattet werden“, ist zwischen den Lesarten nicht entschieden; es kommen sogar noch mehr Lesarten hinzu.

Um ein Fazit zu ziehen, es mag sein, dass manche Äußerungen von „sollen“-Sätzen implikieren, dass jemand mit gehöriger Autorität dies wolle, aber allgemein scheint dies schlicht nicht zu stimmen. (Kleine Warnung: Ich habe nicht dafür argumentiert, dass es sich um eine Implikatur handelt; das ist nur eine Vermutung.)

Dritte Replik. Stemmers drittes Argument verweist darauf, dass „müssen“ eine gewünschte Konnotation hat: „müssen“ drückt eine Notwendigkeit aus. Dass „müssen“ diese Konnotation hat, ist wohl nicht kontrovers. Allein, ist „müssen“ damit prädestiniert, um in der kanonischen Form dontischer Sätze vorzukommen? Das Gegenteil ist der Fall. Das Hauptargument contra „müssen“ ist gerade, dass „müssen“ mit Notwendigkeit zu tun hat, das Deontische aber nicht.

Das muss ich freilich erklären. Ein Beispiel: Anna soll Ben einen Brief vorbeibringen. Denn sie hat dies Carla versprochen. Muss Anna dies tun? Ist sie gezwungen dies zu tun? Ich verstehe diese Fragen nicht. Natürlich ist Annas Handlung nicht determiniert. In dieser Lesart von „müssen“ und „gezwungen sein“ ist die Antwort so trivial, dass in den Fragen etwas anderes gemeint sein muss. (Stemmer weist in seinem Buch laufend darauf hin, dass mit normativer Notwendigkeit nicht Determination gemeint.) Es muss der andere Sinn von „müssen“ sein, der hier einschlägig ist und der oft mit „es ist gefordert“, „es ist verlangt“ und dergleichen paraphrasiert wird. In der Moral geht er uns leicht über die Lippen: Es ist nicht bloß gut, seine Mitmenschen am Leben zu lassen; das ist unausweichlich. Es ist nicht bloß sinnvoll, die notwendigen Mittel zu den Zielen zu wählen; dies ist unausweichlich, verlangt von der Vernunft. Aber nur weil es leicht über die Lippen geht, muss es nicht richtig sein. Es könnte ein Vorurteil sein. Viele sind nicht zufrieden, wenn man es in der Moralphilosophie bei diesem belässt: Es gibt gute Gründe, andere am Leben zu lassen; der Grund ist sogar so stark wie kaum ein Grund sein kann. Sie meinen, dass das Wichtigste fehle: Der Zwang, die Notwendigkeit. Aber es ist nicht ausgemacht, dass es über den Umstand, dass der Grund sehr stark ist, hinaus auch noch einen Zwang gibt. Die Moral ist nicht ein Gleis, das uns auf einen bestimmten Weg zwingt. Sie fordert uns auf, bestimmtes zu tun und anderes zu unterlassen. Aber Aufforderungen zwingen nicht. Analog im Fall der instrumentellen Rationalität: Bin ich gezwungen, das notwendige Mittel zu meinem Ziel zu wählen? Nun, der Grund dafür mag sehr stark sein, aber „gezwungen“ oder „notwendig“? Nein. Ich kann anders wählen und mein Leben endet (vermutlich) nicht, wenn ich das tue.

Nota bene, um die Ausgangsfrage zu beantworten, muss ich nicht behaupten, dass die Träume vom normativen Zwang aufgegeben werden müssen. Es genügt, dass man sie nicht bei einer begrifflichen Analyse deontischer Normativität voraussetzen sollte. Dass deontische Normativität immer Zwang und Notwendigkeit bedeutet, könnte sich nach langem Nachdenken bewahrheiten. Das glaube ich zwar nicht, aber ausschließen kann ich es nicht. Ich will auch niemandem die Rede vom „zwanglosen Zwang“ des Normativen verbieten. Problematisch ist es, wenn daraus eine Erklärungslücke konstruiert wird: „Du hast zwar erklärt, warum man dies oder das tun soll. Aber du hast vergessen zu erklären, warum man das tun muss.“ Mit der Angabe der Gründe wurde die Frage beantwortet. Damit das nicht vergessen wird, halte ich es für ratsam, auf die Rede vom normativen Zwang zu verzichten.

Ein Gegenvorschlag. Das Einfachste ist es an dieser Stelle, einen Kunstausdruck zu wählen. Ich habe einen gefunden, der zumindest für meine Zwecke optimal ist: “was zu tun ist“. Genauer: Die kanonische Form eines deontischen Satz ist “Handlung H ist (von Person S) zu tun“ oder, äquivalent, “Person S hat H zu tun”.

Ein paar Beispiele: Anderen in Not ist zu helfen. Stehlen ist zu unterlassen. Der Müll ist von dir rauszubringen. (Oder: Du hast den Müll rauszubringen.) Wenn du nach Larissa willst, ist der linke Weg zu nehmen. (Oder: Der linke Weg ist, sofern du nach Larissa willst, zu nehmen. Oder: Der linke Weg ist von Leuten, die nach Larissa wollen, zu nehmen. Oder: Wer nach Larissa will, hat den linken Weg zu nehmen.)

Diese Redeweise weist genau die minimalen Eigenschaften deontischer Normativität auf, an denen wir meines Erachtens festhalten sollten. Es gibt einen Adressaten. Es gibt Handlungen (token oder type). Es gibt eine Aufforderung. Ganz ohne Nachteile ist diese Redeweise aber nicht: Skopusunterscheidungen sind nur mühsam zu treffen. Aber vielleicht ist dies sogar ein Vorteil: Das philosophische Nachdenken über Normativität ist dermaßen geprägt vom Übersehen von Skopusunterscheidungen, dass es recht gut passt, wenn der zentrale deontische Ausdruck diese Unterscheidungen erschwert ;-).

Fragen. Irgendjemand hier, der mich überzeugen möchte, dass deontische Normativität nicht ohne Notwendigkeit zu haben ist? Vielleicht ein viel besseres Argument für Stemmers These kennt? Oder gar nicht versteht, was die ganze Diskussion überhaupt soll?

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One thought on ““müssen” und “sollen”

  1. Hi Tim,

    ein großes Fass, und ich fürchte, ich werde hier nicht den Advokaten der Gegenseite spielen können, weil mich die Redeweise von “praktischer Notwendigkeit” ebenfalls nicht überzeugt.

    Zwei Sachen fallen m.E. ins Auge: Erstens, im Gegegensatz zu allen anderen geläufigen Formen von Notwendigkeit folgt hier aus “es ist notwendig, dass p” nicht p. Zweitens finde ich auch, dass der Blick auf die Umgangssprache ein wichtigtes Indiz contra Stemmer bringt. Zwar sagen wir oft, wir müssten etwas tun, aber wenn es um Unterlassungen geht, ist “das kann ich nicht tun” zwar durchaus geläufig, die Redeweise davon, dass man etwas nicht tun darf, aber mindestens genauso vertraut. Und auf die Idee, zu sagen, etwas zu tun, sei ihm “praktisch möglich”, kommt wohl niemand, wenn er aussagen will, dass etwas moralisch in Ordnung wäre.

    Ich habe die Vermutung, dass hinter der ganzen Redeweise von “praktischer Notwendigkeit” letztendlich doch das Bedürfnis steckt, Normativität auf im weitesten Sinne theoretische Notwendigkeit zu reduzieren. Hierzu eine interessante Passage aus “Handeln zugunsten anderer” (S. 57). Im Zusammenhang mit dem Satz “Wenn Du den letzten Bus erreichen willst, musst Du jetzt aufbrechen” schreibt Stemmer: “Die Optionslosigkeit liegt woanders: Theresa [= die arme Person, die hier den Bus zu verpassen droht – J.G.] hat nicht die Option, noch zu bleiben und doch den letzten Bus noch zu bekommen. Diese Möglichkeit ist in der Situation, in der sie ist, ausgeschlossen.” Auch wenn Stemmer dann im weiteren oft wiederholt, das Müssen werde durch Sanktionen und negative Konsequenzen konstituiert (wie Frustration von Interessen etc.), so scheint in dem Zitat m.E. doch noch eine ganz andere Idee durch, nämlich die, dass es sich hier letztendlich nur um eine besondere Form des theoretischen Müssens mit weitem Skopus handelt, nämlich (leicht umformuliert): “Es ist unmöglich, dass gilt: Theresa bleibt noch und erreicht den Bus” (lassen wir die Frage, welcher Art die Notwendigkeit hier ist, mal dahingestellt). Ebenso dürfte sich das moralische Müssen dann letztendlich auflösen in: “Es ist unmöglich, dass gilt: Du tust das und das und wirst nicht sozialen und inneren Sanktionen ausgesetzt”.

    Wenn das aber letztendlich die Pointe der Redeweise von praktischer Notwendigkeit bei Stemmer ist, dann wäre der Vorschlag wohl ad absurdum geführt. Normative Aussagen sind nicht verkappte Hypothesen darüber, was eintritt, wenn etwas bestimmtes getan oder nicht getan wird.

    Ratlos,
    Jan

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