Wissen und Werte II: Wie über Werte reden?

Dies ist der zweite Teil einer kleinen Reihe zum Menon-Problem (Teil I ist hier). Eine Antwort auf das Problem wird hier aber nicht vorgestellt; je mehr ich über das Problem nachdenke, desto unsicherer bin ich mir, ob ich mich überhaupt für einen der Lösungsvorschläge werde entscheiden können. Wie auch immer, ich will mich hier einigen, zumeist terminologischen, Vorabklärungen zuwenden. Dies ist – zugegeben – ein wenig vermessen. Jeder, der zum Menon-Problem spricht oder schreibt, beklagt sich an einer Stelle über die Unklarheiten und Mehrdeutigkeiten beim Wertbegriff. Da stehen die Chancen nicht gut, dass mir eine Klärung gelingt. Ich versuche es trotzdem und hoffe auf kritische und ergänzende Kommentare!

Ich werde nun einige Unterscheidungen abstrakt und an Beispielen einführen sowie versuchen, die Relevanz für das Menon-Problem aufzuzeigen.

(1) abgeleiteter vs. finaler Wert
Viele Dinge sind wertvoll, weil sie dazu beitragen, dass etwas anderes zustande kommt; ihr Wert ist abgeleitet von dem Wert dessen, wozu sie beitragen. Manches ist aber auch um seiner selbst willen wertvoll; sein Wert ist final (manchmal auch „intrinsischer Wert“ genannt). Unter „abgeleitet“ kann mal vieles fassen. Man kann den Wert von B aus dem Wert von A ableiten, weil B ein Mittel zur Erreichung von A ist (instrumenteller Wert) oder A wahrscheinlich macht (probabilistischer Wert) oder eine z.B. metaphysisch notwendige Bedingung für A ist (“modaler“ Wert) oder schlicht hier und jetzt dazu beiträgt, dass A der Fall ist usw.
Alles, was instrumentell wertvoll ist, hat einen abgeleiteten Wert, aber nicht umgekehrt. Wissen ist ein gutes Beispiel für etwas, das (auch und manchmal) einen abgeleiteten Wert, aber selten einen instrumentellen Wert hat. So mag es wertvoll sein, den Weg nach Larissa zu kennen, weil man sonst nicht dahin fände, aber das Wissen über den Weg ist kein Mittel, um nach Larissa zu kommen. Vielleicht kann Anna Ben nicht umbringen, wenn sie nicht von der Wirkung des Gifts weiß. Aber sie tötet ihn mit dem Gift, nicht mit ihrem Wissen. Das schließt nicht aus, dass Wissen manchmal ein Mittel ist. So kann Anna Ben mit ihrem Wissen erpressen oder mit ihrem Wissen die Wette gewinnen, dass sie mehr als er über Dinosaurier wisse. Im allgemeinen ist Wissen jedoch kein Mittel, um etwas Gutes (oder als gut erachtetes) zu erreichen; selbst dann nicht, wenn das Gute ohne das Wissen verfehlt werden würde.

(2) intrinsisch vs. extrinsisch wertvoll
Manchmal ist etwas aufgrund seiner oder einiger seiner intrinsischen Eigenschaften wertvoll (d.h. ungefähr: aufgrund von Eigenschaften, die das Ding auch hätte, wenn es der einzige existierende Gegenstand wäre), manchmal aufgrund seiner oder einiger seiner in- und extrinsischen Eigenschaften.
Diese Unterscheidung deckt sich nicht mit der Unterscheidung zwischen abgeleitetem und finalem Wert. So schätzen wir das Original eines Kunstwerks mehr als Kopien, auch wenn sie mit ihm sämtliche intrinsischen Eigenschaften teilen. Obwohl das Original aufgrund seiner extrinsischen Eigenschaften geschätzt wird, ist sein Wert final (bzw. wäre es zumindest kein grober Unfug, dies zu behaupten).
Die Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Werten spielt für die Debatte um den Wert des Wissens keine Rolle; sie ist nur zum Zweck der Abgrenzung wichtig.

(3) absolut vs. relational wertvoll
Manches ist wertvoll für mich, manches nur für Sie, manches ist auch für uns alle wertvoll. Das sind alles relationale Werte. Aber vielleicht gibt es auch Dinge, die absolut wertvoll sind, d.h. Dinge, die wertvoll sind unabhängig von jedem Wesen, für das sie wertvoll.
In der Debatte um den Wert des Wissens geht es jedenfalls um einen relationalen Wert. Mein Wissen ist, so die Menon-Intuition, wertvoll für mich, Annas Wissen ist wertvoll für Anna, Bens Wissen ist wertvoll für Ben usw. (Die Menon-Intuition scheint außerdem mit der Position verträglich zu sein, dass Wissen vor allem für andere wertvoll ist, etwa weil andere vom Wissenden als Informanten profitieren können.)
Wichtig ist hier vor allem dies: Etwas kann relational wertvoll und gleichzeitig final wertvoll sein. Wenn Anna sich, ohne dass damit zu irgendetwas anderem beigetragen wird, Blumen in die Küche stellt, dann sind sie final wertvoll, aber nur für sie wertvoll.

(4) alles in allem wertvoll vs. pro tanto wertvoll
Nun wieder eine besonders wichtige Unterscheidung: Wenn gefragt wird, ob etwas wertvoll ist, dann muss man oft verschiedene Eigenschaften und ihren Beitrag vergleichen. Etwas alles in allem Schlechtes kann Eigenschaften haben, die es alleine betrachtet – pro tanto – wertvoll machen.
Als Beispiel kann die Bewertung von philosophischen Texten dienen: Der Aufsatz ist gut, insofern er eine klare Struktur aufweist und für eine überraschende These argumentiert. Er ist misslungen, insofern als die Argumente sämtlich Fehlschlüsse sind. Damit ist er wohl alles in allem misslungen. Die schlechten Eigenschaften überwiegen in diesem Fall die guten. Obwohl er alles in allem misslungen ist, spricht die klare Struktur pro tanto für seine Qualität.
Angewandt auf das Menon-Problem ergibt sich: Nehmen wir mal an, die Intuition hinter dem Problem sei pro tanto zu lesen. Dann besagt sie, dass meine Meinung, dass p, dadurch, dass es sich um Wissen handelt, pro tanto besser wird. Aber in vielen konkreten Situationen kostet der Erwerb von Wissen Zeit und ist der Inhalt des potentiellen Wissens uninteressant. Ein Wissen von etwas Uninteressantem, das durch langes Nachforschen erworben wurde, hat eine gute Eigenschaft und zwei schlechte, die die gute ausstechen; es ist alles in allem wertlos. Will man jedoch die Menon-Intuition in ihrer pro tanto Lesart widerlegen, braucht man ein Beispiel, in dem eine Meinung dadurch, dass es sich um Wissen handelt, in keiner Weise an Wert gewinnt.

(5) tatsächlich wertvoll vs. möglicherweise wertvoll
Nur weil etwas möglicherweise wertvoll ist, ist es noch nicht wertvoll.
Ein Klavier zu besitzen, ist für mich nicht wertvoll, obwohl gilt: Es ist möglich, dass ich eines Tages Lust bekomme, Klavier zu spielen; dann wäre der Besitz eines Klaviers nützlich für mich. Aber obwohl der Besitz eines Klaviers möglicherweise wertvoll ist, ist er nicht tatsächlich wertvoll.
Die Unterscheidung ist deshalb trickreich, weil etwas durchaus aufgrund modaler Eigenschaften wertvoll sein kann. So ist das Mitführen eines Ersatzreifens auch dann wertvoll, wenn die Reifenpanne ausbleibt. Das ist wertvoll, weil der Ersatzreifen im Fall einer Reifenpanne nützlich wäre. Hier hängt der tatsächliche Wert an einem bloß möglichen Nutzen bzw. der Nutzen des Ersatzreifens besteht in der Absicherung gegen ein Risiko.
Die beiden Beispiele sind, glaube ich, intuitiv klar. Wissen könnte jedoch ein Grenzfall sein. Sollen wir sagen, dass jedes Wissen, dass p, wertvoll ist, weil es sein könnte, dass es nützlich wird? Sollen wir sagen, dass mein Wissen, dass Lessing in Braunschweig gestorben ist, wertvoll ist, weil es mich gegen das Risiko absichert, von einem Quizshowmaster gefragt zu werden, wo Lessing starb? Oder sollen wir sagen, dass dieses Wissen de facto wertlos ist, obwohl es natürlich möglich ist, dass es wertvoll wird?

(6) wertvoll vs. topisch eingeschränkt wertvoll
Manchmal wird die Frage nach dem Wert eines Dings topisch eingeschränkt. Dann wird z.B. nach dem ästhetischen Wert eines Romans gefragt, etwa dann wenn sein moralischer Wert und ökonomischer Erfolg außer Frage steht.
So wie es die Rede von einem ästhetischen, praktischen, moralischen oder sportlichen Wert gibt, gibt es auch die Rede von einem epistemischen Wert. Ich muss gestehen, dass ich diese Redeweise kaum verstehe. Wenn die Frage lautet, ob Wissen einen epistemischen Wert hat, der über seinen Nutzen hinausgeht, dann ist dies nichts anderes als die Frage, ob Wissen auch final wertvoll ist oder nur abgeleitet wertvoll. Für diese Frage benötigt man den Ausdruck „epistemischer Wert“ nicht. Wofür braucht man ihn dann?

(7) wertvoll sein vs. ermöglichen
Der folgende Schluss ist ein Fehlschluss: A ist wertvoll. Ohne B kein A. Also ist auch B wertvoll (nämlich abgeleitet wertvoll). Dass es sich um einen Fehlschluss handelt, zeigt dieses Gegenbeispiel: Angenommen Wissen ist wertvoll. Ohne Existenz von Propositionen kein Wissen. Also ist, wenn die Annahme stimmt, die Existenz von Propositionen wertvoll. Niemand wird jedoch von dem Wert des Wissens auf den Wert von Propositionen schließen wollen. Das Problem an diesen Argumenten ist, dass „Ohne B kein A“ unterbestimmt ist; denn das kann alles und nichts bedeuten. Es ist sinnvoll, zwischen Ermöglichern und Hervorbringern von Werten zu unterscheiden. Die Existenz von Propositionen ermöglicht Wissen, aber macht Wissen nicht wertvoll. „Ohne B kein A“ lässt offen, ob B ein Ermöglicher oder ein Hervorbringer ist.

(8) wenig vs. sehr wertvoll
Zu guter letzt noch eine Trivialität: Manches Wertvolle ist sehr wertvoll, anderes ist wertvoll, aber nur wenig wertvoll. Es lohnt sich, daran zu erinnern, um vorschnelle Schlüsse zu unterbinden. Etwas kann wenig wertvoll und dennoch final und absolut wertvoll sein.
Wenn jemand den Wert des Wissens verteidigt und womöglich gar als finalen Wert, dann legt er sich also noch lange nicht darauf fest, dass Wissen sehr wertvoll ist. Vielleicht ist Wissen final wertvoll, aber dennoch von sehr geringem Wert. Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, dass Wissen, wenn es denn wertvoll ist, nur von geringem Wert ist.

Im dritten Teil der kleinen Reihe zum Menon-Problem werde ich schreiben, was am Instrumentalismus – d.h. der These, dass Wissen nur einen abgeleiteten Wert hat – ungereimt ist und welche Position ich deshalb bevorzuge.

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4 thoughts on “Wissen und Werte II: Wie über Werte reden?

  1. Manchmal frage ich mich, ob eine Unterscheidung zwischen positiven und negativen Werten sinnvoll ist. Meine deutsche Sprachintuition verwehrt sich dagegen, d.h. im Deutschen gibt es offenbar eine natürliche Verbindung zwischen “x hat Wert” und “x ist gut (für/um zu)” oder ähnliches. Im Englischen trifft man allerdings manchmal auf die Formulierung “negative values”, z.B. schreibt Brandom (beiläufig in einem Beispiel), dass dem grundlosen Verletzen eines Mitmenschen ein “negative value” zu kommt. Ist das mehr als eine technische Überziehung?

  2. Also, ich habe keine Schwierigkeiten mit negativen Werten. Dass Philosophen sich dabei ein Stück von der Umgangssprache entfernen, muss wohl in Kauf genommen werden. Aber das tun wir ja auch schon bei “glauben” und “meinen”! “glauben” hat in der Philosophie keinerlei Unsicherheitskonnotation. “Kopfschmerzen haben einen Wert, nämlich einen negativen” klingt natürlich nicht gut, sollte aber dennoch in der Philosophie in Ordnung sein.
    Was mir jedoch Schwierigkeiten bereitet ist das Wertlose. (Etwas kann wertlos sein, weil es positiven und negativen Wert hat, diese sich aber aufheben. Etwas kann aber auch wertlos sein, weil es weder positive noch negative Seiten hat. Hier sollen beide Fälle unter “wertlos” umfasst werden.) Wir wollen wohl nicht sagen “X hat einen Wert, nämlich gar keinen”. Aber wenn “X hat einen Wert, es ist nämlich schlecht” zugelassen ist, dann sollte auch der erste Satz in Ordnung sein, oder?

  3. Ich habe eine Unterart des abgeleiteten Wertes vergessen zu erwähnen: mereologische Werte. Manchmal wird geschlossen, dass etwas gut ist, weil es Teil von etwas (durch und durch!?) Gutem ist. Das gilt natürlich nicht immer bzw. nur bei einem geeignenten Verständnis von “durch und durch gut”. So kann ein guter Film einen schlechten Abspann haben. Aber vielleicht kann man diese Art von Gegenbeispiel mittels der “durch und durch”-Klausel ausschließen. (Wobei es freilich uninteressant, weil zirkulär wäre, wenn “durch und durch” bedeutet, dass jede Werteigenschaft des Ganzen auch eine Eigenschaft von jedem Teil ist.)

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