Im gerade sich dem Ende zuneigenden Semester habe ich u.a. an einem Seminar über Tim Williamsons Philosophy of Philosophy (2007) teilgenommen. Williamson kommt im Juni nach Göttingen und das Seminar ist Teil der Vorbereitung auf seinen Besuch. Vor einigen Monaten hatte ich noch geplant, ab und an hier etwas über dieses Buch zu schreiben, doch dazu ist es nicht gekommen. Einer der Gründe dafür ist, dass mir das Buch ein Rätsel ist: Einerseits wird das Buch allenthalben als großer Meilenstein gelobt, andererseits kenne ich niemanden, der das Buch gerne gelesen hat. (Das ist bei Knowledge and its Limits ganz anders! Nachdem ich die Einleitung gelesen hatte, war ich neugierig, wie Williamson sein Programm durchführt und was seine Argumente sind, und habe das Buch dann auch gleich zu Ende gelesen.) Nun ist dies vermutlich keine besonders gute Richtschnur, um die Qualität philosophischer Bücher zu beurteilen. Aber es ist immerhin ein Anlass für die Frage, was denn nun das Besondere an Philosophy of Philosophy ist. Wie kann ein derart langweiliges Buch so geschätzt und gelobt werden?
Ich verstehe, dass Williamsons Buch aufgrund seiner Thesen — darunter: philosophische Fragen seien oft keine begrifflichen Fragen; Analytizität spiele keine besondere Rolle in der philosophischen Methodologie; Erkenntnis von metaphysischer Modalität gehe auf Erkenntnis kontrafaktischer Konditionale zurück; intuitionsbasierte philosophische Methodologie tauge nichts — irgendwie sowohl zum Zeitgeist passt, als auch gerade noch genug aneckt. Ich verstehe auch, dass Williamsons Ausführungen für den einen oder anderen befreiend sind: Endlich kann man ungehemmt von methodologischen Bedenken drauf los philosophieren. Schließlich gilt laut Williamson: Philosophische Erkenntnis ist nicht isoliert von anderen kognitiven Vermögen. In der Philosophie ist alles als Evidenz zugelassen, was wir eben so wissen. Wir sitzen halt im Lehnstuhl und stützen uns auf das viele Wissen, das wir so mitbringen. Nun, Befreiungsbewegungen tun manchmal Not und vielleicht brauchte die Philosophie gerade eine Befreiung von einer einengenden Methodologie. Williamson jedenfalls geht davon aus, dass „contemporary philosophy lacks a self-image that does it justice“ (ix). Das heißt jedoch nicht, dass Williamson daran interessiert wäre, ein treffenderes Selbstverständnis zu entwerfen. Zumindest sehe ich nicht, worin das Williamsonsche Verständnis der Philosophie positiv bestehen sollte. Und konkreten Rat, wie Philosophie zu betreiben ist, möchte er sowieso nicht geben.
Das ist also der erste Grund dafür, dass ich Williamsons Buch eher langweilig finde: Sein Gegenentwurf ist (wohl mit voller Absicht) einfach zu wenig greifbar. Der zweite Grund betrifft die Durchführung. Das Buch wirkt so, als hätte Williamson das Buch halbfertig an den Verlag geschickt. Eine richtige Einleitung hat das Buch nicht; stattdessen ein Vorwort, eine Einleitung und ein einführendes Kapitel 1. Kapitel 8 „Knowledge Maximization“ hat nur peripher mit Metaphilosophie zu tun. Wichtige Themen wiederum werden nur en passant behandelt. Ein Beispiel hierfür ist Apriorität. Williamsons Anspruch ist hier nicht gering. Er schreibt z.B. in einer Replik auf Jackson:
A related question-begging feature of Jackson’s discussion here is that he freely appeals to a distinction between the ‘a priori’ and the ‘a posteriori’, without addressing the argument in the book for the untrustworthiness of such a distinction (2007: 165–9). (Williamson in: Analysis 69 (2009), S. 129)
Also, ich habe nicht den Eindruck, dass die fünf Seiten zu Apriorität, in denen es noch dazu offiziell nur um die Apriorität von Modalwissen geht, soviel Last tragen sollten: Williamsons Auffassung von Apriorität ist hier nur implizit zu finden.
Eine andere Merkwürdigkeit betrifft das Thema philosophischer Fragen: In Kapitel 2 fordert Williamson dazu auf, philosophische Fragen „at face value“ zu nehmen. Williamson diskutiert dazu die philosophische oder proto-philosophische Frage „War Mars immer entweder trocken oder nicht?“. Diese Frage sei in keinem klaren Sinn eine begriffliche Frage, also seien nicht alle philosophische Fragen begriffliche Fragen. Aber zu Beginn von Kapitel 5 heißt es dann:
Philosophers characteristically ask not just whether things are some way but whether they could have been otherwise. (Williamson 2007: 134)
Hhhm, die Frage über Mars, die Williamson als Beispiel diskutiert, ist auch ein Beispiel für eine philosophische Frage, in der nicht danach gefragt wird, whether things could could have been otherwise. Gleiches gilt für viele andere philosophische Fragen: Haben Namen neben einer Bedeutung auch noch so etwas wie einen Sinn? Ist Wissen unter gewusster Implikation abgeschlossen? Dies sind „taken at face value“ keine Fragen danach, whether things could have been otherwise. Wie kommt Williamson dann darauf, dass philosophische Fragen charakteristischerweise Fragen nach dem metaphysisch Möglichen oder Notwendigen sind? Ich sehe nicht, wie Kapitel 2 und 5 zusammenpassen. (Um keinen falschen Eindruck zu geben: Was Williamson in Kapitel 5 über Modalwissen schreibt, ist gänzlich unabhängig von der Frage, ob es in der Philosophie manchmal, oft, typischerweise oder gar immer um metaphysische Modalität geht.)
Das sind alles keine echten Einwände, aber die Punkte machen hoffentlich deutlich, warum das Buch meines Erachtens als unfertig zu charakterisieren ist. Ich schreibe dies übrigens nicht auf, um von Philosophy of Philosophy abzuraten. Ich wundere mich einfach über den Erfolg gerade dieses Buches und würde mich über eine Erklärung freuen. Vielleicht kann ja jemand von Euch etwas Sachdienliches beitragen?
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