„Mein Gehirn denkt“

16 05 2008

Dieser Dialog ist hilariös urkomisch. Es handelt sich um eine Reaktion (ruhig durchklicken!) auf die unzähligen Philosophen, die die Zuschreibung von mentalen Eigenschaften und Handlungen ans Gehirn zu Unsinn erklären: Das Gehirn denke, interpretiere, berechne, entscheide, empfinde, steuere etc. nicht. Erstaunlicherweise kenne ich Hunderte, gar Tausende, Philosophen, die von denkenden, glaubenden, sich irrenden Gehirnen sprechen, nämlich dann, wenn es um Gehirne im Tank geht. Das Gehirn im Tank hat nämlich Meinungen, die je nach Standpunkt falsch oder wahr, Wissen oder kein Wissen sind. Wenn es sich bei der Zuschreibung von mentalen Eigenschaften und Handlungen ans Gehirn um Unsinn handelt, dann sind Philosophen jedenfalls „companions in guilt“.

Aber wie ist der Vorwurf des Kategorienfehlers überhaupt aufgekommen? Hier eine (einigermaßen) naheliegende These: Daraus, dass S’ F Φ-t (wobei S ein Lebewesen, F ein Teil von S und Φ ein Handlungsverb oder ein mentales Prädikat ist), folgt, dass S nicht Φ-t. Wer sagt, dass sein Herz schnell schlägt oder sein Arm sich bewegt, sagt, dass nicht er sein Herz schnell schlagen läßt und nicht er seinen Arm bewege. Und wer sagt, dass sein Gehirn Freude empfinde, so die Behauptung, sagt eo ipso, dass er selber keine Freude empfinde. „Mein F“ hat also eine ähnliche Funktion wie der Dativ in Sätzen wie „Mir ist das Glas heruntergefallen“ (statt „Ich habe das Glas fallen lassen“). Das erklärt, nebenbei erwähnt, warum Sätze wie „Das Gehirn im Tank denkt“ akzeptabel sind. Das Gehirn im Tank ist nicht Teil eines Lebewesens, sondern bei dem Gehirn in Tank handelt es sich um ein Lebewesen.

Ich nehme an, dass die meisten, denen ein Kategorienfehler vorgeworfen wird, die Implikation nicht beabsichtigen. Es handelt sich insofern um einen nicht-standard Gebrauch von „S’ F Φ-t“. Sollte diese Implikation jedoch beabsichtigt sein, schulden sie uns ein Argument für die implizierte Behauptung. Deshalb die Beschwerden von Seiten der Philosophen.

Bestimmt gibt es noch weitere Argumente für die Behauptung, „Mein Gehirn denkt“ sei Unsinn. Dabei muss es sich jedoch um Argumente handeln, die über simple Beobachtungen zum Sprachgebrauch hinausgehen. Dazu habe ich heute nichts zu sagen.


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2 Antworten

19 05 2008
madgett

Die Erklärung, so gut sie mir gefällt, verliert den Kategorienfehlervorwurf aus den Augen. Der lautet, daß man nie sinnvoll sagen kann „Mein Gehirn denkt“, nicht, daß „Mein Gehirn denkt“ eine Implikation nach sich zieht, die der Begründung bedarf.

Wenn wirklich „Mein Gehirn denkt“ ein Kategorienfehler ist, dann auch „Das Gehirn im Tank denkt“.

Aber Du hast natürlich Recht, daß die Akzeptanz der Redeweise von denkenden Gehirnen nicht ausreicht, um eine Irrtumstheorie bezüglich Aussagen, die mentale Tätigkeiten der ganzen Person zuschreiben, zu etablieren.

So viel für den Augenblick.

20 05 2008
thelogosmustgoon

Madgett, Du hast natürlich völlig recht. Was ich schreibe, mag stimmen oder nicht – mit dem Kategorienfehlervorwurf hat es nichts zu tun. Dieser Vorwurf ist viel stärker. (Um so dringlicher die Frage: Was ist eigentlich ein Kategorienfehler?)
Es freut mich, dass Du bezüglich des Gehirn im Tank zustimmst. Eine interessante Frage ist hier, ob wir zum modus ponens oder zum modus tollens greifen wollen. Ich plädiere für den modus tollens: Die Rede vom Gehirn im Tank, das (falsche) Meinungen hat, ist so eingängig und verständlich, dass an dem Kategorienfehlervorwurf etwas faul sein muss!

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