Philosophische Terminologie

8 05 2008

Heute nur ein wenig Geplauder über die Schwierigkeiten, sich in der Philosophie zu verstehen.

Ich lese gerade einen Aufsatz über Henrich über Kants Deduktion (wer’s genau wissen will, bei dem Henrichtext handelt es sich um den 110seitigen Aufsatz „Identität und Objektivität. Eine Untersuchung über Kants transzendentale Deduktion“, 1976). Das Erstaunliche: Ich habe den Eindruck, jedes Wort zu verstehen, aber keinen der Sätze. Hier ein Beispiel: „Daraus folgt, dass das Subjekt, aller Erfahrung voraus, eine Kenntnis davon haben muss, was es für es heißt, von Vorstellungszustand zu Vorstellungszustand überzugehen.“ (Henrich S. 87; die Autorin des Aufsatzes unternimmt den ehrebringenden Versuch, Henrichs Argumentationsgang zu rekonstruieren; das Zitat ist bei ihr einer von insgesamt 13 Schritten.) Ich behaupte, dass ich (a) jedes Wort in diesem Satz verstehe und (b) den syntaktischen Aufbau des Satzes erkenne, aber (c) den Satz nicht verstehe, obwohl, wie ich vermute, er schon eine Bedeutung hat. Kann man damit nicht viele Kompositionalitätstheorien widerlegen?

Kommen wir zu ernsthaften Kommunikationsschwierigkeiten unter Philosophen! In den letzten fünf Wochen wurde ich gleich zweimal Ohrenzeuge solcher Diskussionen:

A: Hhhm, ist das Argument überhaupt stimmig?

80% der Anwesenden starren irritiert vor sich hin.

B: Natürlich nicht, die erste Prämisse stimmt doch nicht.

Wenn an dem Argument eine Prämisse nicht stimmt, dann ist das Argument nicht stimmig, dachte B sich wohl.

C: Aber nein, A meint „valid“, nicht „sound“.

Netter Versuch der Klärung.

D: Also geht es darum, ob das Argument schlüssig ist, ja?

Auch ein netter Versuch der Klärung. Wenn die Konklusion aus den Prämissen folgt, dann kann man wohl schlüssig schließen.

E: Also, ich versteh nur noch Bahnhof, „schlüssig“ bedeutet doch schlagend.

80% der Anwesenden starren E irritiert an.

A: Können nicht zu meiner Frage zurückkommen? Ist das Argument nun gültig oder nicht?

Nein, zu der Frage können wir nicht zurückkommen, denn:

F: Warum sagen wir nicht einfach „folgerichtig“ und „rational überzeugend“? Das sind doch schöne Ausdrücke.

Mag sein, aber:

E: Also ich bring meinen Studenten immer „korrekt“ und „schlagend“ bei.

Allgemeines Geschnatter…

Ich verstehe ja, dass es schwierig ist, sich bei „Realismus“ auf eine Bedeutung zu einigen. Das liegt in der Sache begründet. Aber hier gibt es ja gar keinen sachlichen Dissens. Es gibt zwei Eigenschaften von Argumenten und man müsste sich nur auf zwei Ausdrücke einigen. Also mir gefällt ja „logisch zwingend“ und „logisch schlagend“ am besten, aber…


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2 Antworten

3 07 2008
Charles

Wo lag gleich noch der Unterschied?

6 07 2008
thelogosmustgoon

Ich nehme an, Du fragst nach dem Unterschied zwischen, nun ja, zwingend und schlagend?

(1) Ein Argument ist zwingend = Wenn die Prämissen wahr sind, dann muss auch die Konklusion wahr sein.

(2) Ein Argument ist schlagend = Das Argument ist zwingend und alle Prämissen sind wahr.

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