Von Donnertag bis Samstag nahm ich an einer Tagung zum Thema „Wissen und Werte“ an der TU Dresden teil. Im Zentrum der Diskussionen stand das sogenannte Menon-Problem: Warum ist Wissen wertvoller als wahre Meinung? Die Intuition, dass Wissen tatsächlich mehr wert ist als wahre Meinung, wird bereits in Platons Dialog Menon verhandelt; deshalb der Name. Was folgt ist im strikten Sinn kein Bericht von der Tagung, sondern ein Versuch, das Problem näherzubringen. (Empfehlen kann ich an dieser Stelle aber auch Duncan Pritchards Artikel „The Value of Knowledge“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy!)
Die These hinter dem Menon-Problem hat – ich glaube, das teilt jeder – auf den ersten Blick etwas sehr plausibles. Selbstverständlich ist es besser zu wissen, dass Wasser H20 ist, als dies zu raten. Man kann sogar so weit gehen, ein analoges Argument zu Nozicks Argument der Erfahrungsmaschine zu geben. (Wie ich in Dresden erfuhr, geht die Überlegung auf Lessing zurück, der sie jedoch in einen theologisch aufgeladenen Kontext stellt.) Angenommen man machte mir das Angebot, mich an eine Machine anzuschließen, die mich mit allem, was es zu wissen gibt, versorgt, wobei (i) ich zu dem Erkenntnisgewinn keinen Beitrag leiste, (ii) ich mich hinterher nicht daran erinnern kann, mich für den Gebrauch dieser Maschine entschieden zu haben, und (iii) ich meine Meinungen nicht begründen kann. (Falls die letzte Bedingung nicht erfüllbar erscheint, hilft vielleicht diese Analogie: So wie manch ein idiot savant beantworten kann, ob eine Zahl eine Primzahl ist, sonst aber nicht viel kann, kann man nach Benutzung der Maschine alle Fragen beantworten, kann aber keine Begründung der Antwort geben.) Lessing würde das Angebot ablehnen, behauptet er zumindest, und auch ich tendiere dazu, mich so zu entscheiden. Aber warum nur?
Bevor ich zu einigen Antworten komme, zunächst zwei Klärungen vorab: Unter bloß wahren Meinungen sollen alle wahren Meinungen, die kein Wissen sind, subsumiert werden. Zu den bloß wahren Meinungen zählen also sowohl Fälle glücklichen Ratens als auch Gettierfälle. Die Menon-Intuition besagt also nicht nur, dass Wissen besser ist als Raten, sondern auch, dass Wissen besser ist als gegettierte wahre Meinung. Zweitens besagt die Intuition nur, dass für alle Propositionen p Wissen, dass p, besser ist als bloßes Wahrglauben, dass p. Die Intuition besagt nicht, dass für beliebige Propositionen p und q Wissen, dass p, besser ist als bloßes Wahrglauben, dass q. Sonst erhält man leicht inkommensurable Werte: Ist das Wissen, dass Lessing in Braunschweig starb, besser als die bloß wahre Meinung, dass die Mensa morgen auf hat? Ich habe keine Ahnung, wie man eine solche Frage angehen könnte!
Die Schwierigkeiten mit der Menon-Intuition ergeben sich meines Erachtens daraus, dass wir (mindestens) zwei weitere, widerstreitende Intuitionen haben.
(1) Es ist unerheblich, ob ich weiß, dass mein Zug um 12:08 von Gleis 2 abfährt, oder dies bloß wahrerweise glaube. So oder so werde ich das Nötige tun, um rechtzeitig am Gleis 2 zu sein. Allgemein gesagt, mit wahren Meinungen erreiche ich meine Ziele genauso gut wie mit mit Wissen.
(2) Weder das Wissen noch die bloß wahre Meinung, dass der 1234te Eintrag im Stuttgarter Telefonbuch von 1972 „…“ lautet, ist von irgendeinem Wert.
(1) und (2) sind prima facie zumindest nicht weniger gut begründet als die ursprüngliche Menon-Intuition.
In Dresden haben sich einige ausgehend von Behauptungen à la (1) und (2) für einen, wie ich es nennen möchte, Instrumentalismus ausgesprochen. So wie ein Ersatzreifen im Auto eine gute Vorsorge gegen Reifenpannen ist, so sei auch Wissen eine gute Vorsorge gegen Einwände und fehlende Zuversicht, die einen von der wahren Meinung abbringen könnten. Wenn es zu keiner Panne kommt, gelangt man auch ohne Ersatzreifen ans Ziel; wenn keine Einwände kommen und es einem nicht an Zuversicht mangelt, reichen bloß wahre Meinungen aus. Aber wer weiß, dass der Mensch vom Affen abstammt, wird sich von religiösen Fanatikern nicht irre machen lassen; wer weiß, wie man von Athen nach Larissa kommt, wird sich von ungeduldigen Nachfragen der Reisebegleiter nicht irritieren lassen. Mit einem Wort, Wissen sei ein gutes Mittel, um sicher die eigenen Ziele zu erreichen (welche auch immer dies gerade sein mögen). Da dies mit Wissen besser erreicht werde als mit bloß wahrer Meinung, sei Wissen wertvoller als bloß wahre Meinung. (Dies ist übrigens zumindest in den Grundzügen die Antwort, die auch Platon in seinem Menon gibt.)
In Dresden sprachen aber auch Vertreter eines Anti-Instrumentalismus, d.h. der These , dass Wissen einen Wert hat, der über seinen Beitrag zum Erreichen von Zielen hinausgeht. Sie stützen sich dabei auf (begriffliche) Überlegungen zu kognitiven Leistungen, kognitiven Fähigkeiten, epistemischen Tugenden, zum Zusammenhang zwischen etwas tun wollen und dies gut tun wollen und dergleichen mehr. Wie das Projekt im Detail umgesetzt werden soll, ist mir leider verschlossen geblieben. Schade!
Gegeben diese Unübersichtlichkeit will ich einen Schritt zurücktreten und die Frage beantworten, warum die Debatte um das Menon-Problem überhaupt wichtig und interessant ist. Eine erste Antwort ist diese: Die Menon-Intuition wird von manchen Autoren als Einwand gegen Wissensanalysen, namentlich den Prozessreliabilismus eingesetzt. Da der Prozessreliabilismus nicht erklären könne, warum Wissen wertvoller ist als wahre Meinung, erfülle er eine Adäquatheitsbedingung für Wissensanalysen nicht. Die Debatte um das Menon-Problem wäre dann deshalb interessant, weil sie Teil der Debatte um die richtige Analyse von Wissen ist. Eine zweite Antwort hebt gerade darauf ab, dass das Menon-Problem von dem Projekt einer Wissensanalyse wegführt. Etliche Erkenntnistheoretiker glauben mittlerweile, dass an der Suche nach einer Analyse von Wissen, d.h. nach notwendigen und zusammen hinreichenden Bedingungen für Wissen, etwas faul ist und man sich von diesem Projekt verabschieden sollte. Während man bei diesem Projekt tatsächlich leicht die Relevanz nicht mehr sieht, ist das beim Menon-Problem jedoch anders. Wertfragen sind offensichtlich nicht irrelevant für unser Handeln und Denken. Sollte man zeigen können, dass Wissen wertvoller ist als bloß wahre Meinung, dann ist dies schwerlich ein Beitrag zu einem bloßen Streit um bloße Worte.
An dieser Stelle veröffentliche ich diesen Beitrag schon einmal, obwohl ich meine eigene Meinung zum Menon-Problem noch gar nicht aufgeschrieben habe. Dazu folgt demnächst ein zweiter Teil.
[...] über Werte reden? Dies ist der zweite Teil einer kleinen Reihe zum Menon-Problem (Teil I ist hier). Eine Antwort auf das Problem wird hier aber nicht vorgestellt; je mehr ich über das Problem [...]
Hallo Tim,
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Anmerkung wirklich förderlich oder nicht schon längst bekannt ist (d. h. gewusst wird), aber interessant scheint mir doch in diesem Zusammenhang auch zu sein, dass Wissen nicht immer Gründe (zur Rechtfertigung von selbigem) braucht, wenn von jemandem eingesehen ist, dass p wahr ist (und er/ sie jemand anderem dies mitteilen möchte).
Denn manchmal ist es so, dass entweder die Frage, woher das Wissen stammt, auf Einsichten anderer verweist, oder schlichtweg kein (plausibler) Grund angeführt werden kann (`Es ist halt einfach so.´).
Der Unterscheidung zwischen Wissen und wahrer Meinung scheint hier irrelevant, jedenfalls von außen nicht feststellbar.
Gruß,
Charles
Hallo Charles,
also relevant ist der Punkt schon ;-) Die Diskussion ums Menon-Problem wird meist so geführt, dass man offen lässt, worin genau der Unterschied zwischen Wissen und bloß wahrer Meinung besteht. Es genügt, wenn irgendein Unterschied besteht; ob der mit den Gründen der Person zu tun hat, ist eine umstrittene Frage. In den von Dir genannten Beispielen kann man jedenfalls einen Unterschied ausmachen: Wer sagt „ist halt so“, der behauptet, in einem unmittelbaren Kontakt zur Wirklichkeit zu stehen. Wenn das stimmt, dann weiß er’s auch. Wer sich auf das Zeugnis anderer stützt, der weiß, was er behauptet, wenn die anderen ihm keinen Mist erzählt haben.
Was dagegen die Feststellbarkeit von außen betrifft: Die ist irrelevant. A kann besser sein als B, obwohl niemand jemals feststellen kann, ob A oder B vorliegt.
Bestens, Tim
Hallo Tim,
Was den „Ist halt so“- Fall angeht: Ich glaube nicht, dass die-/ derjenige, der/ die dies als `Grund´ anführt , behauptet, dass sie/ er in einem unmittelbaren Kontakt zur Wirklichkeit steht (vielleicht sagen das andere von ihm/ ihr). Sie/ Er wird sagen, dass es halt einfach so ist, und, dass er/ sie nichts damit zu tun habe, dass es so ist.
Es gibt in diesem Fall gar keinen Grund, der angeführt werden könnte, und der die wahre Meinung in einer Weise belegt, dass man aufgrund dieses Beleges von Wissen sprechen könnte. („Wieso/ woher weißt Du das?“ – „Ich weiß es halt“. oder: „Ich weiß auch nicht, woher ich das weiß“. (Man wird auch keine qualifiziertere Antwort eines Autisten bekommen, eines idiot SAVANT (Ich hoffe, das ist richtig geschrieben.))
Wenn es hier keinen Grund gibt, oder wenn kein Grund angeführt werden kann, dann fällt meiner Meinung nach die Unterscheidung von Wissen und wahrer Meinung zugunsten der einfachen Rede von Wissen.
Nun scheint mir aber der „ist halt so“- Fall gar nicht so selten zu sein.
Die/ Der ständige Warum- FragerIn wird zumindest so beantwortet werden.
In letzter Konsequenz trifft man den „ist halt so“ auch im wissenschaftlichen Bereich wieder, wie z. B. bei Erklärungen für das Verhalten einzelner Objekte oder Gegenstände.
Mehr und mehr merke ich übrigens, dass mir die Unterscheidung von Wissen und wahrer Meinung überhaupt fragwürdig erscheint, jedenfalls in einem theoretisch relevanten, explanatorischen Sinne. Denn die Frage, ob Wissen besser sei als Raten (oder das Hoffen auf Eingebungen) verdient doch wirklich keine weitere Klärung, wenn nicht zu begrifflicher Übung.
Ich überlege, ob es eigentlich einen Zusammenhang gibt zwischen diesem Thema hier und zwischen dem, das Du unter dem Eintrag `Modalitäten´ verhandelst…
Gruß,
Charles
Ein Kommentar zu dem letzten Kommentar von mir: Der vorletzte Absatz („Mehr und mehr …“) ist natürlich irrelevant. Es kommt nicht darauf an, was besser ist, bzw. ob überhaupt etwas besser ist als etwas anderes, sondern ob es gut ist, wie Tim ja selbst schon bemerkt hatte.
Charles
Is halt so. Ich habe mich leider etwas missverständlich ausgedrückt. Ich wollte sagen: Wenn man die These vertritt, dass es kein Wissen ohne Begründenkönnen gibt (Internalismus), dann kann man diese Fälle so deuten, dass sehr wohl eine Begründung gegeben wird. Ist man der Meinung, dass es Wissen ohne Begründenkönnen gibt (Externalismus), so kann man Deiner Beschreibung — mit der Antwort wird die Antwort auf die Warumfrage verweigert — problemlos zustimmen. So oder so folgt noch nichts darüber, ob es einen und welchen Unterschied zwischen Wissen und wahrer Meinung gibt. Vielleicht weiß man in den „Is halt so“-Fällen etwas, weil eine kausale Beziehung zu dem Geglaubten besteht oderoderoder. Um zu zeigen, dass (wenigstens manchmal) Wissen = wahre Meinung, musst Du deshalb mehr argumentative Ressourcen bemühen. (Ist das überhaupt Dein Ziel? Ich bin mir gerade doch nicht mehr so sicher!)
Wissen und Raten. Also hier ist mehr verborgen als eine begriffliche Übung! Ob ich weiß oder rate, wann der nächste Zug von Unterhausen nach Oberhausen fährt, ist doch egal. Das ändert sich vielleicht, wenn ich von Unterhausen nach Oberhausen will. Aber da ich das nicht will… Auf diese Überlegung kann man etwas antworten, aber das ist keineswegs banal!
Zu `Ist halt so.´: Also erstmal habe ich kein Ziel. Da `Bloggen´ etwas vollkommen Neues für mich ist, bin ich hier zunächst an einem Gedankenaustausch interessiert.
Nun, ich meinte eigentlich nicht, dass man die Gleichung Wissen = wahre Meinung manchmal aufstellen kann, sondern ich zog in Erwägung, dass von dem Unterschied nicht immer Gebrauch gemacht werden kann.
Dieses Bedenken ist aber allgemeiner:
Ich frage mich, ob es überhaupt in dem hier verhandelten Sinne angebracht ist, und inwiefern (ob es z. B. nur eine künstliche Annahme ist), von `wahrer Meinung´ in dem hiesigen Sinne zu sprechen, und ob man nicht für oder gegen etwas Illusorisches argumentiert.
Allerdings scheint diese Fragestellung, ob Wissen besser/ wertvoller sei als wahre Meinung, überzuleiten zur eigentlichen Fragestellung, nämlich: warum Wissen gut ist/ sei – und dafür, so scheint es, braucht man einen Antipoden, die wahre Meinung.
Übrigens: Danke für die zügigen Antworten.